Viele Menschen sind in den ‚falschen‘ Berufen tätig. Sie folgen nicht ihren tatsächlichen Neigungen, Talenten und Fähigkeiten, leiden oft lebenslänglich darunter und werden darüber manchmal sogar krank.

Nachfolgend habe ich eine indianische Sage frei nacherzählt, die Eltern, Großeltern und auch Lehrkräfte zum Nachdenken anregen kann, warum sie den Begabungen ihrer Kinder Aufmerksamkeit und Beachtung schenken sollten.

Die Geschichte zeigt, wie elementar wichtig es sein kann, seiner Berufung folgen zu dürfen und den richtigen Beruf zu finden.


Der alte Häuptling und der Vogel
(freie eigene Nacherzählung einer alten Indianer-Sage)

Ein Indianerhäuptling hatte nur einen einzigen Sohn. Dieser sollte wie er selbst ein großer Krieger werden und später den Stamm führen. Aber der junge Indianer war kein Kämpfer, sondern ein Musiker. Er sang und tanzte leidenschaftlich gern. Der Häuptling jedoch, der unbedingt einen tapferen und starken Sohn wollte und kein Weichei mit dazu noch in seinen Augen weibischem Gebaren, war mit den Neigungen seines Sohnes überhaupt nicht einverstanden. Für ihn war völlig unverständlich, wie ein junger, heranwachsender Mann so viel singen und tanzen konnte. Nein, der noch dazu einzige Sohn eines Häuptlings musste einfach ein großer Krieger werden.

So entschloss sich der Häuptling eines Tages dazu, den jungen Indianer für 30 Tage und Nächte in die Wildnis zu schicken. Obwohl dieser große Angst empfand und den Vater inständig bat, ihn nicht wegzuschicken, ließ sich der alte Häuptling nicht umstimmen. Und so ritten sie an einem Frühlingstag los. Der Weg führte weit hinauf in die Berge. Dort hatte der Frühling noch nicht so richtig Einzug gehalten. Aber der Sohn des alten Häuptlings sollte abgehärtet werden und seine Weichlichkeit dabei verlieren. Schließlich gelangten sie zu einer Höhle. Dort ließ der Vater den jungen Indianer mit einem Pferd und der Aufforderung,  erst nach 30 Tagen wieder heimzukehren, zurück.
Ohne sich nochmals umzublicken, ritt der Häuptling wieder heim  ins Lager des Stammes.

Etliche Tage später kehrte in den Bergen noch einmal völlig überraschend der Winter zurück und ein Schneesturm wie er nur alle 20 Jahre vorkommt, überraschte den jungen Indianer, als er auf der Suche nach etwas Essbarem war.

Im Indianerdorf wartete der alte Indianer auf das Ende der 30 Tage. Als diese schließlich um waren, kehrte der Häuptlingssohn jedoch nicht zurück. Der Häuptling machte sich jetzt große Sorgen und nach einigen Tagen begab er sich auf die Suche. Tief beunruhigt ritt er hinauf in die Berge. Als er zur Höhle kam, vor der er damals seinen Sohn zurückgelassen hatte,  fand der dort nur noch die Reste eines schon lange erloschenen Feuers und einige wenige, abgenagte Knochen. Trotz tagelanger Suche konnte er den jungen Indianer nicht mehr finden. Mehr und mehr spürte der Vater, dass sein Sohn nie mehr zurückkehren würde. Voller Gram kehrte der Häuptling heim und trauerte viele Monate.

Eines Tages, als er wieder von Gram und Schmerz tief gebeugt vor seinem Zelt saß, ließ sich in seiner Nähe auf den Zweigen eines Baumes ein Vogel nieder. Der prachtvoll gefiederte Vogel begann in den allerschönsten Tönen zu pfeifen und sang für den alten Indianer ein wunderschönes Lied. Und sobald der Häuptling von diesem Tag an vor seinem Zelt saß und von Trauer übermannt wurde, kam der kleine Vogel und pfiff seine Melodien.

Plötzlich verstand der alte Indianer. Tränen rannen über sein Gesicht, denn er wusste, er konnte seinen Irrtum nie mehr gut machen. Sein Sohn, auf dessen Rückkehr er insgeheim immer noch gewartet hatte, würde nie mehr heimkommen.
Aber der Gesang des kleinen Vogels war ihm auch ein Trost. Der alte, grau gewordene Häuptling, dem der Kummer und die Trauer tiefe Furchen ins Gesicht gegraben hatten, glaubte fest, dass die Seele seines Sohnes jetzt ihre wirkliche Berufung gefunden hatte und im Körper des kleinen Vogels immer wieder zu ihm zurückkehrte.

Sobald der alte Indianer sich jedoch dem Vogel näherte, unterbrach dieser seinen Gesang und flog davon.
Der kleine Vogel kehrte jedoch immer wieder zurück und brachte mit seinem zwitschernden Gesang ein wenig Farbe in die noch lange trauernde und ‚grau‘ gewordene Seele des alten Häuptlings.

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Unser Beruf prägt und beeinflusst unser Leben. Finden wir unsere Berufung ist das von großem Wert. Finden wir sie nicht, kann das unser Leben erheblich negativ beeinflussen und sogar zu Krankheiten führen.

Auch ich selbst habe bei der Berufswahl vor langer Zeit nicht das Richtige ausgewählt. Meine Neigungen und mein Talente lagen ganz klar im Bereich des Schreibens oder des Unterrichtens.

Gelernt habe ich dann einen kaufmännischen Beruf und war in diesem Bereich auch viele Jahre tätig, oft erfolgreich, aber nie mit wirklicher innerer Freude und brennendem Feuer für meinen Job.

Erst spät, in den letzten Jahren habe ich die Lust am Schreiben mit mittlerweile dem dritten Buch und die Lust am Unterrichten durch ein umfangreiches Seminar- und Webinar-Angebot begonnen, zu leben und umzusetzen.

Aber besser spät als nie. Lassen Sie es jedoch nie so weit kommen, wie in der Fabel, dass Sie quasi einen inneren ‚Tod‘ erleiden müssen um Ihre Berufung zu leben.

Unterstützen Sie vor allem Ihre Kinder und/oder Enkel dabei, dass diese ihre wahre Berufung finden, lernen und leben können.

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Quelle: Buch „Ihr gelungener Tag“

Buch „Ihr gelungener Tag“